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"Welt" ist Verhandlungssache

October 9, 2019

 

 

Der Titel von Regula Stämpflis Essay „TRUMPISM. Ein Phänomen verändert die Welt“ ist ein wenig irreführend. Denn der Schweizer Autorin, Politikwissenschaftlerin und Philosophin, geht es nicht rein um die (zugegeben, noch und nöcher durchgeführte) Dekonstruktion des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump. Trump ist ihrer Ansicht nach „nur“ ein Symptom: vielleicht der gipfelnde Ausdruck eines Phänomens, das sich seit einigen Jahren abzeichnet und steigert. Es heißt: ungebremster Egozentrismus

Stämpfli identifiziert ein hemmungsloses „Ich, ich, ich“ als Ursprung einer neuen Gesellschaft und entsprechenden Politik. Nicht mehr das gerechte Miteinander sei politischer Anspruch, sondern die größtmögliche Lustbefriedigung für den Einzelnen. Und das gelte nicht nur für Wählerinnen und Wähler, sondern auch für die politischen Akteure selbst. Als solche sind sie nicht mehr Ausführende, Diener des Volkes oder einer demokratischen Idee, sondern Personas, die nicht Ziele, sondern sich selbst verkörpern und inszenieren. 

Sie nennt sie „Selfies“, diese Handelnden, die im Grunde nicht mehr handeln. Es geht vor allem darum, etwas darzustellen. Das mag dann durchaus fiktiv sein - in die Pflicht genommen werden politische „Akteure“ ohnedies schon lange nicht mehr. „Donald Trump wurde nicht zum Präsidenten, sondern als Donald Trump gewählt“ (S. 163) fasst sie diese Erscheinung zusammen. Und erklärt dadurch, warum politische Parteien quer durch Europa schon längst nicht mehr durch ihr Programm und Konzepte überzeugen, sondern vor allem vom Marktwert ihres Spitzenkandidaten profitieren. (Als Beispiele nennt sie Emmanuel Macron ebenso wie Varoufakis, aber auch Sebastian Kurz und sein "Geilomobil"). 

Als einen solchen „Star“, der vor allem im Glanz seiner Persönlichkeit und von seinem Außenseiter-Status profitierte, entzaubert Stämpfli übrigens auch Barack Obama. Von allen Seiten als Messias gelobt, war es doch seine polierte Rhetorik und das Narrativ als first black president, nicht seine politischen Reformen, die Obamas Bild zeichneten. Die realen Entscheidungen bleiben hinter den schönen Worten zurück.

All das wäre ja womöglich zu verschmerzen, würde unter der Selbstdarstellungssucht nicht die Gemeinschaft leiden: „Mit der Konstruktion eines von allen kollektiven Aushandlungsprozessen losgelösten Selbst verschwindet jede gemeinsam ausgehandelte, auf Solidarität, Freiheit und Gleichheit beruhende Welt.“ (S. 173) Das Überhöhen des Selbst führe zu einem Verlust von Welt: von Beobachten, Besprechen und Gestalten einer gemeinsamen Realität. „Die reale Welt tritt hinter fiktive Selfies zurück.“

 

 


Was Regula Stämpfli gelungen ist, ist eine Verknüpfung unterschiedlicher Themen. Für mich waren es neue Erkenntnisse, was Kamera-Selfies mit aktuellen politischen Strömungen auf der ganzen Welt zu tun haben. Und diese beiden Themen wiederum mit der ganz normalen Misogynie und einem selbstbezogenen und dadurch zum Scheitern verurteilten „Pussy-Feminismus“. Ihre Beispiele der rotzigen Ronja von Rönne oder der Kapitalistin vor dem Herrn (sic!), Ayn Rand, lassen mich eine weite Brücke ins Alte Ägypten schlagen: Dort war die "mentale Taubheit" eines von drei Giften, die das Zusammenleben verseuchen. Seine Äußerung: "die Unfähigkeit, sich etwas anderes vorzustellen, als sich selbst."

Wie die meiste aktuelle Fachliteratur hinterlässt auch dieses Buch mehr fassungslose Wut als echte Handlungsalternativen. Aber schließlich spricht auch Gandhi vom „Heiligen Zorn“ - wir wissen, dass aus der Empörung, richtig dosiert und kanalisiert, Ermächtigung erwachsen kann. Sie könnte damit beginnen, weniger Selfies zu machen und den Blick wieder weg vom Selbst, hinein in die Welt zu richten. 

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