© 2016 - 2019 Johanna Kompacher. Website erstellt mit Wix.com | Impressum

Die Umwälzung ist leise

August 19, 2017

 

Michel Houellebecq, "Unterwerfung". 2015, Dumont.

 

Es ist ziemlich schwierig, die anderen zu verstehen, zu wissen, was sich tief in ihrem Herzen verbirgt, und ohne die Hilfe von Alkohol würde es einem vielleicht niemals gelingen.

 

Worin ich dem FAZ-Rezensenten auf dem Buchrücken von "Unterwerfung" sofort zustimme: "Dafür ist Literatur erfunden worden."

Denn Houellebecq spinnt ein perfektes, unbemühtes und glaubwürdiges Was-wäre-wenn-Szenario, das einem schaurig den Rücken hochklettert. Worum es geht, muss ich hier nicht weiter ausführen. Bemerkenswert ist die gleichgültige Art und Weise, in der Houellebecqs Protagonist, der Literaturwissenschafter Francois, die Entwicklung der ihm vertrauten Gesellschaft hinnimmt. Ist er abgestumpft von der Hypersexualisierung des anderen Geschlechts, von der Einsamkeit und Lustlosigkeit seines Alltags, die ihn überkommt, wann immer er sich nicht trinkend und rauchend in seine Bücher zurückziehen darf? Um es in Houellebecqs Worten zu sagen: Zumindest gab es keine Anhaltspunkte dafür, dass dies vollkommen auszuschließen war.

Insgesamt, ich habe es angedeutet, haben mich Konzept und Idee dieses Romans begeistert. Denn ja, dafür gibt es Literatur: Um unerschrockene fiktive, vielleicht aber nicht ganz so fiktive Szenarien auszumalen und in den Köpfen Realität werden zu lassen. Vor dem Hintergrund war ich nur enttäuscht, dass uns der Autor nicht noch weiter mitnahm. Was wäre passiert, wenn der Roman nicht nach 270 Seiten geendet hätte? Was hätte noch passieren können? Denn wo das Buch endet, nimmt die Spannung ihren Höhepunkt. Aber ich kann nur annehmen, dass das beabsichtigt war.

Das wirklich Radikale an "Unterwerfung" ist die lakonische Nebensächlichkeit, mit der die Umbrüche passieren; und der grenzenlose Opportunismus, mit dem man sie akzeptiert. Quasi beiläufig bemerkt Francois, dass auf den universitären Galen plötzlich keine Frauen mehr anwesend sind. Seine ehemaligen Kollegen an der Hochschule, jetzt mit minderjährigen Zweitfrauen verheiratet, kommentieren dies bestenfalls eingebettet in ihre politischen Brandreden, ohne überhaupt Anlass zu sehen, sich zu rechtfertigen. Die kluge Argumentation rechtfertigt sich selbst. 

Die Radikalität von Houellebecqs Roman passiert zwischen den Zeilen. Denn es ist das Ausbleiben eines Aufschreis und die stille, rückgratlose Akzeptanz, welche die Meuterei demokratischer Werte begleiten, die "Unterwerfung" so beklemmend machen.


Aber Wehmut hat nichts mit ästhetischem Empfinden zu tun, sie steht noch nicht einmal im Zusammenhang mit der Erinnerung an ein Glücksgefühl; […] die Vergangenheit ist immer schön, ebenso übrigens wie die Zukunft. Nur die Gegenwart schmerzt, nur sie trägt man mit sich wie einen schmerzhaften Abszess, den man zwischen zwei Unendlichkeiten stillen Glücks nicht loswird.

 

(gespiegelt von Goodreads.com)

Please reload

Empfohlene Einträge

I'm busy working on my blog posts. Watch this space!

Please reload

Aktuelle Einträge

November 18, 2019

August 20, 2019

December 9, 2017

December 2, 2017

Please reload

Archiv
Please reload

Schlagwörter

I'm busy working on my blog posts. Watch this space!

Please reload

Folgen Sie uns!
  • Facebook Basic Square
  • Twitter Basic Square
  • Google+ Basic Square