• Johanna Kompacher

Was wissen wir vom Schiffbruch?


Franzobel, "Das Floß der Medusa"

Eine mächtige Erzählung, nicht nur über den Preis des Überlebens, wie der Klappentext verspricht, sondern auch über die Kosten menschlichen Hochmuts und die an gegeneinanderüberliegenden Enden zerrenden Kräfte Egoismus und Nächstenliebe. "Das Floß der Medusa" ist ein großer, in die Länge gezogener Unfall, eine Katastrophe, und wie in dem Sprichwort kann man den Blick nicht mehr abwenden. Trotz einer Liebe zum Detail nimmt diese Gesichte derart Fahrt auf, dass man das Buch nicht mehr wegzulegen vermag. Franzobels Schreibstil ist einzigartig: reichhaltig, plebejisch, schnoddrig, wortgewaltig. Seine Sätze, seine Dialoge und Beschreibungen sind archaisch-melodiös, dann wieder Gossensprache. Seine Charakterporträts sind grandiose Karikaturen. Diese Herangehensweise ist es, die aus der Tragödie eine Tragikomödie macht, und die uns diese vom Schicksal gebeutelten Menschen - teils historisch belegt, teils fast mythisch - so nahe bringt, wie das eine mit ernster Miene und Pathos ausstaffierte Erzählung nie schaffen könnte.


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