• Johanna Kompacher

Im Zentrum, weiterdrehend


Acht Schauspielerinnen und Schauspieler reisen durch die Zeit und durch siebzig verschiedene Rollen in Joёl Pommerats „Kreise/Visionen“ am Schauspielhaus Graz. Dabei zeigen sie vor allem eines: Es sind die immer gleichen Wünsche und Ängste, die den Menschen definieren.

Bild: (c) Lupi Spuma

Der Kampf gilt Gott, der Zeit, dem Schicksal: Aber ein Kampf ist es, der alle Charaktere in „Kreise/Visionen“ tragisch eint. Joёl Pommerats kluges Stück schafft es, mit den Zusehern durch die Epochen zu ziehen und anhand von Szenen, die so bewegend wie alltäglich sind, zu zeigen, was man vielleicht schon ahnt.

Jetzt oder Damals? Ein Aufeinandertreffen im Zwischenraum.

Es sind Geschichten von Erfolg und Scheitern, von Mut und Angst, von Schicksal und Zufall. In einem gelungenen Reigen schlüpfen die acht Darstellerinnen und Darsteller des Schauspielhaus-Ensembles in insgesamt siebzig verschiedene Rollen, beheimatet zwischen dem 14. Jahrhundert und der Jetztzeit.

Da ist die aristokratische Hausdame so verletzlich wie die Pennerin, da keine von ihnen ihrem Schicksal entrinnen kann. Dies gilt auch für den jungen Unternehmer und seine ehrgeizige Frau (leidenschaftlich: Evi Kehrstephan), die einem profanen Orakel Gehör schenken und mit ihrer Bereitschaft, den gefragten Preis zu zahlen, zu einem düster-obsessiven Zitat auf Macbeth werden. Währenddessen taucht ein erfolgreicher Geschäfts-Magnat (herrlich: Franz Solar) auf, um ein paar Arbeitslose zu schulen, doch am Ende ist sein Jobangebot nur Farce. Und so erscheint es wie höhere Macht, als er eine Gruppe perspektivenloser Junkies um eine Organspende für seinen Sohn anfleht und sie wiederum seine Hoffnung apathisch zerschlagen.

Dominique Schnizers Regie überzeugt vor allem durch ein brillant integriertes Kreiselement. Eine sich drehende Bühne wechselt von Schauplatz zu Schauplatz und zeigt nicht nur die Geschehnisse auf den beiden Halbrunden, sondern auch im Zwischenraum: einem spärlich erleuchteten Korridor, wo ein melancholisches Cello (Lana Beraković) dem Stück seine subtile, musikalische Textierung verleiht.

Aber was uns eint ist, was uns trennt.

Anders, als der Stoff es vermuten ließe, endet „Kreise/Visionen“ in Schnizers Inszenierung dennoch auf keiner gänzlich hoffnungslosen Note. Als sich der ungebetene Vertreter neben die einsame, einen Schwächeanfall erleidende Frühpensionistin auf den Teppich legt, meint man, Trost zu empfinden: Weil sich eben nicht nur Enttäuschung und Scheitern durch die Geschichte des Menschen ziehen, sondern auch seine Sehnsucht und Empathie. Ehrlich, feinfühlig und nahezu ohne Zynismus finden Pommerats Zeitkreise in dieser Produktion ihren Mittelpunkt. Am Ende, so erfährt es das überraschte Publikum, ging es doch die ganze Zeit um Glück.


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