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Bevor ich ein 20-Euro-Schein war, war ich die Seite 412 in einem Buch über König Artus und den Zauberer Merlin. Meine benachbarten Seiten und ich waren falsch in ein Mängelexemplar eingebunden. Deshalb wussten wir auch nie, wie die Geschichte eigentlich ausging. Konkrete Erinnerungen habe ich nur an eine Nymphe aus dem See, und den Drachen.

Deshalb kann es kein Zufall sein, dass die Frau hinter der Hotelrezeption dem jungen Mann hinterherruft: „Merlin!“

 

Sie hebt mich hoch, aber besagter Merlin ist längst aus der Tür und mutmaßlich im Tohuwabohu der Stadt untergetaucht. Die Frau, dunkler Pferdeschwanz und Rezeptionistinnen-Kostüm, murmelt: „Wie bezahlt er jetzt das Taxi?“

 

Sie faltet mich zusammen, geht zurück an ihren Empfangsstuhl und klebt ein Post-it-Zettelchen auf mich. Darauf steht: Merlin. Zum Glück legt sie mich nicht in den Tresor, sondern direkt neben ihren Stiftebehälter.

Kurz darauf öffnet sich die automatische Eingangstür und ich höre leise Schritte.

 

„Hallo Melanie“, quakt die Stimme eines kleinen Mädchens. Die Schritte werden schneller.

 

„Ja, wer ist denn heute schon so früh da?“ antwortet die Rezeptionistin – Melanie – ihrerseits mit etwas erhöhter Stimmlage. „Ist der Kindergarten schon vorbei?“

 

„M-hm!“ Obwohl Melanie aufgestanden ist, um dem Mädchen entgegenzugehen, ist das Kind schneller. Schon steht es neben der Rezeption. Das Mädchen sieht mir winzig aus, aber sein Kopf ist riesengroß und die schwarzen Augen darin.

 

Melanie nimmt die Kleine in den Arm und murmelt melodiös, als würde sie singen: „Sarah-Maus.“

 

Ich sehe mir die Umarmung an und freue mich. Die leuchtenden Augen der Leser kenne ich, genauso die dankbaren oder achtlosen Gesten derer, die mich aus der Geldtasche ziehen. Momente wie dieser sind selten. Ein 20-Euro-Schein hat wenig Anlass, einfach so auf Tischen herumzuliegen.

 

„Wo ist denn dein Papa?“

 

„Auto parken.“

Melanie setzt Sandra ab, wirft einen Blick aufs Telefon und nimmt das Kind dann an der Hand. „Möchtest du die neuen Fische sehen?“ Sie spazieren gemeinsam zu einem Wasserbecken in der Lobby. Es ist ein ruhiger Vormittag im Hotel. Die Gäste sind ausgeflogen oder noch nicht eingetroffen. Ich bleibe liegen und höre dem Plätschern des Wassers und der Stimmen zu, bis die automatischen Türen erneut aufschwingen.

Alle begrüßen sich – es ist der Papa – und ich höre eine dumpfe Stimme unter den hellen.

 

Auf einmal steht das kleine Mädchen neben mir. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und grabscht mit kindlicher Vertiefung auf dem Tisch herum. Pfefferminzgrüne Büroklammern, selbstklebendes Papier, Stifte, aus denen mehrere Minen herausschnappen: All das scheint sie restlos zu faszinieren. Ihr Blick bleibt unverändert, als sie mich zwischen dem Büromaterial entdeckt. Sie wird erst lernen, was ich bin, und die Last des Begreifens heben.

„Sarah, passt du nur auf? Bitte lass die Schere und das Telefon.“

„M-hm.“ Sarah nimmt mich und faltet mich: Nicht quer durch, wie das Melanie getan hat, sondern einmal der Länge nach. Dann öffnet sie mich wieder und schlägt die Seiten ein. Ihrem konzentrierten Blick und der leicht hervorstehenden Zungenspitze nach zu urteilen, weiß sie genau, was sie da tut. Sie kann das. Ich lasse mich quetschen und formen und mit dem Fingerknöchel glattstreichen.

Ein drittes Mal öffnet sich die Eingangstür.

 

„Hi“, schnauft jemand atemlos, „hab‘ ich hier mein Geld verloren?“

 

„Merlin.“ Klackernde Absätze auf dem Steinboden. „Ja – ich bin dir nachgelaufen, aber du warst schon weg.“

 

„Zum Glück habe ich es an der Brücke gemerkt und den Taxifahrer gleich gebeten, umzudrehen.“

 

„Es liegt drüben auf dem Tisch.“

 

Merlin kommt hinter der Rezeption und neben Sarah zum Stehen. Er sieht etwas durch den Wind aus, aber erleichtert. Er wuschelt dem Mädchen durchs Haar. „Du hast auf mein Geld aufgepasst?“

Sie sieht ihn mit großen Augen an. Er grinst. Ich frage mich, welches Kapitel meines Lebens auf dieses folgt. Nur, dass es keine Kapitel mehr hat.

 

„Wow! Hast du einen Flieger gebastelt?“

 

Sarah stellt mich, gefaltet und zurechtgebogen, auf den Tisch, wo ich prompt umfalle. „Nein“, antwortet sie. „Einen Drachen.“