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Waldblick

In Gedanken bezog Adam die Hütte im Wald. An der Stelle, an der sie sich befand, grenzte jeder Baum an den anderen, so dass er ihn mit seinen Ästen streifte. Im Dach der Hütte war ein Loch, dahinter ein Himmelsgewölbe aus Geäst. Auf dem Hüttenboden hatten die Bretter über Jahre des Regens ihre Form verloren und wölbten sich nun gleich Höckern aus der Erde.

In Adams Vorstellung war es der Ort, an dem er den Rest seines Lebens verbringen würde.

 

 

Es klopfte an seiner Bürotür.

„Herein!“

Adams Assistent Josef öffnete und nickte Adam vom Türstock aus zu. „Wir wären es dann.“

„In Ordnung.“ Beim Gedanken an das, was ihn im Nebenraum erwartete, verspürte Adam einen Zug in der Magengrube. Es war der Kunde, den sie nicht verlieren durften – und dessen Vertrauen sie enttäuscht hatten. Heute war ihre Chance, ihn zurückzugewinnen, danach würde es keine mehr geben. Und es half alles nichts, Adam konnte diesen Menschen nicht leiden.

Ohne das Gesicht zu verziehen oder seine Hände noch einmal an den Hosenbeinen abzuwischen, griff Adam nach seinen Unterlagen, klemmte sich den Laptop unter den Arm und umrundete den Bürotisch. Josef wartete an der Tür wie eine Empfangsdame. Der Teppichboden, der das Gebäude zur Gummizelle machte, schluckte ihre Schritte und verwandelte sie in Nichts. Eine Erfindung für die, die fallen – mitunter aus weiter Höhe.

 

 

Unter dem Brett in der Ecke neben dem Holzofen wartete ein Geheimnis. Adam ahnte es, seit er die Hütte im Wald entdeckt hatte. Es hatte gestürmt und das Brett hatte gezittert. Trotzdem war er bis jetzt davor zurückgeschreckt, es anzuheben.

Der Zeitpunkt durfte keine Alternative zulassen.

Er trat vor die Hütte und legte den Kopf in den Nacken. Keinen Stern gaben die Äste frei. Erst mit Anbruch des Tages würden sich Lichtstrahlen wieder ihren Weg durch die Wipfel bahnen und die Umgebung mit Kontur bedenken. Adam hatte Zeit. In Gedanken vervollständigte er das Bild und legte eine Erinnerung darüber, die ans andere Ende seines Lebens gehörte.

 

 

„Herr Zweigl?“

Adam blinzelte.

Er sah etwas.

Er sah es wie eine Blaupause hinter dem, was die anderen sahen. Ihm zeigte sich die Vorlage ihrer Realität.

„Herr Zweigl, können Sie unter Umständen auf meine Frage antworten?“

Adam spürte, wie Ihn jemand an der Schulter rüttelte. Mit Schwierigkeiten löste er seinen Blick vom Himmel hinter der Glasscheibe und wandte sich seinem Gegenüber zu. Der Kunde war an den Tisch herangerückt, seine Haltung erinnerte an ein Bogenseil und seine Stirn lag in Falten. Nichts interessierte Adam an diesem Gesicht, an diesem Körper. Er meinte sogar, durch seine Umrisse hindurchzusehen.

„Adam, ist alles in Ordnung?“ fragte jetzt Josef.

Adam konnte nicht reden. Oder konnte es doch, aber verspürte keinen Drang danach. In diesem Raum gab es keine Worte und vielleicht hatte es nie welche gegeben. Die Wände schlossen sich zu einer Black Box, in der Schall und Bedeutung bis zur Unkenntlichkeit zerrieben wurden. Danach, so hatte es den Anschein, verschwanden sie.

„Ich glaube, wir brechen diesen Termin ab“, sagte der Kunde. „Wir verschwenden unsere Zeit, mit Herrn Zweigl in diesem … Zustand.“

„Ich bedaure, bitte, verzeihen Sie“, sagte Josef, „ich weiß nicht, was mit ihm ist.“

„Sie sollten einen Arzt rufen.“

Sesselrücken, der Kunde stand auf. Josef erhob sich, Adam sah Arme aus dem Augenwinkel. Er beteiligte sich nicht am Ritual der Verabschiedung. Ihre Stimmen schwollen an zu einem Rauschen, dem keinerlei Höhen oder Tiefen Form gaben.

Er blickte zurück in den Himmel. Wie die ersten einer Kette von Hinweisen fielen Regentropfen ans Glas und warteten auf seine Zustimmung.

 

 

Bevor der Wind kam, kam der Regen – es war, wie Adam vermutet hatte. Die ersten Tropfen fühlten sich wie Eis auf seiner Haut an. Danach schienen sie sich mehr und mehr zu wärmen, bis er ihr Eintreffen ohne Erregung wahrnahm. Nach einer Weile öffnete Adam den Mund und ließ zu, dass die Tropfen auch dort hineinfielen. Ihr Geschmack war der des Waldes und der Luft. Diese Luft war ein Neugeborenes unter den Molekülen.

Heute war der Tag, der sich ohne Ausweichmöglichkeit darbot. Er hatte alle Hinweise für sich beansprucht. Adam wandte den Blick in die Ecke und betrachtete das Brett im Boden wie eine Frau, die er würde ansprechen müssen. Sie war nur noch heute da.

 

 

„Dort liegt er, auf dem Boden. Wir haben seine Beine hochgelagert.“

Als die Ärztin den Raum betrat, wusste sie: Der lebt noch, so liegt kein Toter. Sie stellte den Koffer neben seinem Kopf ab, beugte sich über ihn und zog eines der Augenlider hoch. Was sie dort sah, verschlug ihr den Atem. Es war der dichteste Wald, den sie in ihrem Leben je gesehen hatte.