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Madonna, Madonna

Bleib, wo du bist. Heute wirst du entdeckt. Fünfzehn Minuten.

 

Sonny sah nach links, nach rechts, wieder nach links. Es hatte keinen Sinn: Schon vor zwei Minuten, als er den Papierfetzen vom Boden hochgehoben hatte, war niemand zu sehen gewesen. Das Treppenhaus war menschenleer, nur der Straßenverkehr bebte im Gemäuer wider.

Sonny ging zurück in die Wohnung und schloss die Tür.

 

Kaum in Sicherheit, lehnte er sich mit dem Rücken gegen das Holz und holte tief Luft. Sein Herz war außer sich. Seine Handflächen, den Zettel umklammernd, waren feucht und klamm, sein Mund trocken wie nach einer Nacht neben dem Heizkörper.

 

Heute wirst du entdeckt.

 

Die Nachricht konnte nicht für ihn sein. Seine Türglocke war ein unzuverlässiges Ding. So lang hatte er sie nicht gehört, dass er für einen Moment fest davon überzeugt gewesen war, sie könnte es nicht gewesen sein.

 

Vielleicht war sie es nicht gewesen. Die Nachricht für einen anderen bestimmt. Wer wusste überhaupt, dass er hier war?

 

Aus dem Nebenzimmer waberte der Geruch von Kerzenwachs auf Karton, die letzten Seufzer einer verglimmenden Zigarette. Sonny mischte sich unter die Schwaden und ging, sein Herzschlag etwas verlangsamt, zurück ins große Zimmer.

 

Die Wohnung hatte auch ein kleines Zimmer, aber er hatte es schon lange nicht betreten.

 

Sonny ließ seine Schuhe auf dem Boden zurück, sie trieben heimatlos übers Parkett, er sprang ins Bett und landete im Schneidersitz. Vom tagelangen Sitzen hatten die Decken genau die richtige Form angenommen, in die er seinen Hintern jetzt drückte. Mit dem Rücken lehnte er sich an die Wand. Über seinem Kopf hing die Dachschräge so tief, dass er sie mit dem Scheitel streifte.

 

„Unmöglich“, sagte Sonny zu der Porzellan-Geisha, die neben ihm auf einem Mauervorsprung kniete. In ihrer Anmut schwieg sie. „Niemand weiß, dass ich hier wohne.“

 

Er schaute aus dem Fenster. Ein weißer Vorhang flatterte im Rahmen. Wie das Kleid einer Frau, die sich einst auf die Straße warf und seitdem durch die Wände spukte.

 

Sonny beobachtete sie und vor seinem inneren Auge fiel der Hauch eines Nachtkleides von ihr ab und sie war nackt, vom Fenster umschlossen wie ein Gemälde. Ihr Körper war so weiß, sein breites Becken und zwischen ihren Schenkeln traumlose Abgründe. Sonny presste die Lippen zusammen.

 

Er hatte sie gezeichnet – unzählige Male. Er hatte nur nicht gewusst, dass sie es war.

In der Straße vor seinem Fenster tönten Hupen, quietschten Bremsen. Ein großer Laster bog lärmend um die Ecke. Der Wind warf den Vorhang und eine Wolke Verkehrssmog in den Raum.

 

Sonny schloss die Augen und ließ seinen Kopf gegen die Wand fallen. Er zitterte jetzt so stark, dass an Zeichnen nicht zu denken war. Bevor es an der Tür geläutet hatte – und er war sich inzwischen ganz und gar nicht mehr sicher, ob es tatsächlich geläutet hatte – war er in ein Porträt vertieft gewesen. Es würde ein besonders schönes werden, die harmonischen Kurven von Taille und Becken, die feine Hautstruktur.

 

Andere fanden seine Frauenporträts komisch, weil nie Gesichter zu sehen waren. Er hatte aufgehört, davon zu sprechen. Ich bin Künstler, hatte er früher gesagt. Dann hatte immer jemand gefragt, wo stellst du aus, hast du eine Seite, eine Karte, wo kann man etwas von dir sehen.

Bleib, wo du bist.

An der Wand gegenüber hing sein Bestes.

 

Sie war eine Heilige, eine Madonna, doch ihre ätherische Aura nur für den Auserwählten bestimmt. Bei ihrem Anblick überkam Sonny ein Lächeln, wie jedes Mal. Das dunkle Haar im Dreieck zwischen dem Nabel – dem Menschlichen – und der göttlichen Pforte. Nur die Spitzen ihrer Locken waren zu sehen, der unterste Rippenbogen und ein Stück ihrer Schenkel.

Es hatte mit ihr angefangen, konnte aber nicht mit ihr enden. Nicht einmal, wenn sie für immer sein Bestes bleiben würde. Im großen Zimmer hatte Sonny ihr einen Altar gebaut und zwischen den ausgedämpften Kippen Devotionalien aus Restmüll, eine Monstranz aus Spiegelglas aufgestellt.

 

Mit bebenden Händen griff er jetzt unter sein Kopfkissen und nach der Zigarettenpackung. Er zündete eine an und nahm einen tiefen Zug. Kerzenschein funkelte im Stein seines Rings, einer roten Geschwulst am unteren Glied des Zeigefingers. Bevor er die Augen schloss, sah er noch Wachs vom Karton aufs Laminat tropfen, dann fokussierte er das Gefühl des Nikotins in seinen Gefäßen.

 

Sonnys Blutkörperchen sangen ihr trunkenes Lied. Er war Matrose auf diesem Schiff, das auf seinen Untergang zusteuerte. Eine nackte Gallionsfigur mit ausladenden Hüften stieß mit ihm in See. Doch ihr Kopf war abgebrochen.

Fünfzehn Minuten. Heute wirst du entdeckt.

Es traf ihn wie ein goldener Schuss. Sonny riss die Augen auf. Entdeckt. Heute.

Der Zettel war vielleicht nicht für ihn gewesen – aber der Künstler, sein mutmaßlicher Empfänger, wohnte nicht mehr hier.

 

Sonny wohnte hier. Und er war ein Künstler. Und in fünfzehn – nein, inzwischen maximal noch in zehn – Minuten würde er entdeckt werden.

 

Es war seine große Chance.

 

Sonny stieß die Zigarette in seinen Mund, sprang aus dem Bett. Asche rieselte nieder. Wie in einem Blutrausch stürzte er an die gegenüberliegende Wand und in den Altar. 

 

Seine Zähne begannen zu klappern. Er biss auf die Kippe und stieß ein tiefes Grollen aus.

 

Vor dem Altar ging er in die Knie wie ein Betender und zog seine Schatzkiste hervor.

 

Die Zeit war gekommen.

Als Sonny den Deckel öffnete, hüllte ihn mit dem modrigen Geruch eine plötzliche Ruhe ein. Behutsam und andächtig hob er einen Stoß loser Blätter hervor. Als er sie vor sich aufbreitete, beruhigte sich auch der Wind, fast, als wollte er unterstützend tätig sein.

 

Eins neben dem anderen legte Sonny seine Werke auf den Teppich. Zwischen Haaren, Aschekrümeln und eingetrockneten Wachsflecken bildete sich ein Mosaik weiblicher Genitalien. Sie waren eine oder hundert unbekannte Schönheiten, dunkle Träume, blendende Abgründe, namenlose heilige Frauen, von Sonny gefunden an einem Ort ohne Geschichte.

 

„Ja“, wisperte er, „ja, ja, ja“. Seine Lippen formten sich zu unsinnigen Gebeten. Seine Augen glitten über jedes Porträt und absorbierten es, erinnerten sich. Er vergaß keine einzige. Jeder Traum war Wirklichkeit geworden.

 

Fünf Minuten – konnte er noch länger als fünf Minuten haben?

 

Er musste seine Werke gebührend aufbereiten und ausstellen, sodass ihn die Kunstkritiker, die Feuilletons, würden entdecken können. Der erste Eindruck war alles, so viel hatte er schon gelernt über das Geschäft. Sofort überzeugen. Es würde keinen zweiten Blick geben.

 

Die Zigarette fiel aus Sonnys Mund und in den Teppich, aber er bemerkte es nicht. Die Glut erlosch in einer Feuchtigkeit, deren Ursprung ihm nicht mehr bekannt sein würde.

 

Mit geräuschvollen Atemzügen erhob sich Sonny und drehte sich in Richtung des kleinen Zimmers.

Er wusste nicht … Konnte er?

 

Eine getrübte Erinnerung stieg auf und flackerte vor seinem inneren Auge. Sie vernebelte seine Sicht. Sonny presste beide Handflächen gegen seine Augenhöhlen, bis dahinter schwarze Kreise zersprangen.

 

Das Mosaik am Boden war fertig. Vollkommen.

 

Als er es betrachtete, war das erregte Gefühl von vorhin verschwunden, aber er konnte es nicht besser machen, konnte sie nicht mehr ansehen. Er fuhr sich durchs Haar und vollzog eine wirbelnde Drehung in Richtung des kleinen Zimmers.

 

Ein Bild fügte sich zusammen. Er sah die Holzstaffelei, die ihm seine Mutter geschenkt hatte, zum zwölften Geburtstag? In der Erinnerung, dieser unzuverlässigen Aufzeichnung, lachte sie ihn an. Sie war jung, schön, mit schlechten Zähnen und prächtigen Augen. Der Widerschein tausender Kerzen.

 

Sie war sie, eine andere, aber ihren Namen konnte er, durfte er nicht wieder zum Leben erwecken.

 

Sie war der Ursprung aller Bilder, allen Wahnsinns. Sie war die Liebe, und sie war fort.

Bleib –

Wo du bist; ich finde dich. Hast du verschlossene Räume, dunkle Geheimnisse? Heute wirst du entdeckt.

 

Sonny wischte sich den Schweiß von der Stirn und rieb ihn in seine Hosen. Seine Beine schlackerten so heftig, dass er auf dem Weg zum kleinen Zimmer zweimal pausieren und sich an die Wand lehnen musste.

Einen guten Eindruck machen – er hatte nur eine Chance. In Sonnys Wohnung gab es keine Spiegel mehr, seit er daraus die Monstranz gefertigt hatte. Aus Scherben ein Heiliges. Es sah so schön aus, wenn seine Madonna im Abendrot erstrahlte.

 

Dann fiel seine Hand auf die Klinke.

 

Einst war es ihm gelungen, den Raum zu vergessen. Den speckigen Griff für einen Fremdkörper in der Wand zu halten.

 

Zwei Minuten? Eine Minute? In Sonnys Kopf raste ein manischer Zeiger. Wenn nur seine Beine etwas fester auf dem Boden stünden.

 

Er öffnete die Tür. Die Dunkelheit, die ihm entgegenschlug, war allumfassend. Doch stärker noch war der Geruch: Er roch den Tod, das Leben, das Blumenmeer und seine Asche. Er roch all das, was Poesie über Jahrhunderte versucht hatte, zu beschreiben, immer ekstatisch, immer scheiternd.

 

Schwärze schluckte das Licht in Sonnys rubinrotem Ring und in Sonnys Augen. Nichts warf seinen Glanz zurück.

 

Sonny verharrte in der Tür. „Wenn du hineingehst“, flüsterte er, „hörst du die Glocke nicht.“

In seinem Herz verschlugen zwanzig Jahre, doch es konnten maximal Sekunden sein.