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Ein Kind stirbt

Ich beobachte meine Eltern bei ihrem Kampf. Sie beginnen noch jeden Tag, als hätte sich nichts verändert, aber alles hat sich verändert, und je weiter der Tag fortschreitet, desto bewusster wird es ihnen. Sie bewegen sich um einander wie argwöhnische Tiere. Manchmal haben sie so Angst, zu sprechen, dass sie den ganzen Tag schweigen. Es sind noch nicht zwei Wochen vergangen, seit ich gestorben bin. Sie müssen erst lernen, ohne mich zu leben.

Es gibt Tage, an denen sie keinen Moment zusammen verbringen. Er geht morgens weg, sie steht erst auf, wenn sich die Tür hinter ihm schließt, und dann trinkt sie Kaffee, stundenlang, und starrt an die Wand. Nach der Arbeit geht sie aus, bis sie betrunken ist und fällt ins Bett, wenn er schon schläft. Dort liegen sie wie zwei Föten, zwei Halbmonde, Rücken an Rücken eingerollt und ein Abgrund zwischen ihnen, nur zwei Handflächen breit. An anderen Tagen bemühen sie sich und frühstücken gemeinsam. Meist spricht der Radio für sie beide und sie werfen sich Blicke zu, hinweg über die Tassen und die bedruckten Servietten, aber die Blicke bedeuten nichts, oder sie wissen selbst nicht, was sie bedeuten sollten.

Ich weiß, was geschieht. Ich bin traurig und enttäuscht, aber vor allem begreife ich nicht. Was ist eine Liebe, das frage ich mich dann, was ist eine Liebe, die am Tod des Kindes zerbricht? Was geschieht mit den beiden, die mit der Liebe angefangen haben?

Ihre Münder sind so klein und verletzt geworden. Sie schauen oft ins Nichts und suchen nach Antworten, es ist die immer gleiche Frage – warum? – die ihnen niemand beantworten kann. Sie lächeln kaum mehr. Es ist nicht echt. Sie wissen nicht mehr, wieso sie zueinander zärtlich sein sollen. Wo ist denn die Vergangenheit? Ich möchte sie fragen, wo sind die Jahre, die ihr hattet, bevor ich kam, und wann habt ihr beschlossen, dass sie nicht mehr genug sind. Alle Fotos von den Wänden haben sie abgenommen und in Schubladen versteckt, die Löcher stehen offen wie Wunden. Fotos von vergangenen Reisen waren dabei, aus der Zeit vor meiner Geburt, als meine Eltern am Strand schliefen oder aus Flugzeugen sprangen oder mit einem Glas in der Hand in die Kamera lachten, die Gesichter noch im Abendlicht rosa von der sengenden, südlichen Sonne. Sie waren schön und glücklich und vollständig. Niemand hätte beim Betrachten dieser Bilder gesagt, dass ihnen etwas fehlt, ein Kind zum Beispiel, um einander ganz zu gehören. Dass ich starb, war niemandes Schuld. Aber wie soll man das denen erklären, die zurückbleiben?

Ich frage mich jetzt: Hätte der Zerfall aufgehalten werden können? Oder war er schon im Gange und mein Verschwinden nur noch der Auslöser eines langsamen Endes? Ich beobachte, wie der Mond jede Nacht gekrümmter aufsteigt. Der Abgrund größer wird. Ich sehe zwei Geistern dabei zu, wie sie jeden Tag vollziehen, ohne wirklich anwesend, ohne körperlich zu sein, zwischen bedeutungslosen Handgriffen verwischen sie ihre eigenen ätherischen Spuren. Vielleicht schafft sich die Liebe, die ihr Ziel erreicht, vorbestimmt gleich selbst ab.

Meine Eltern beenden den Tanz auch dieses Tages und schalten die Lichter aus. Sie halten einander und versuchen, zu trösten, vor allem sich selbst. Sie umarmen den anderen, um sich selbst zu spüren. Ich sehe ihre Gesichter in der Ferne. Sie sind nicht mehr ganz da, vielleicht nie wieder, aber noch kämpfen sie jeden Tag und bemühen sich, die Wirklichkeit zu fassen. Alle ihre Verletzungen sind offen, infiziert, sie verstehen es nicht. Sie wissen nicht, wie diese Liebe mit dem Schmerz funktionieren soll.

An einem Morgen stehen beide auf, gemeinsam, und verbringen den Tag in unterschiedlichen Teilen der Stadt. Sie fahren früh weg und kommen spät zurück, und in ihren Gesichtern ist so etwas wie scheue Zufriedenheit. Sie setzen sich gemeinsam an den Tisch, essen zu Abend. Dabei erzählen sie einander, was sie gemacht haben. Meine Mutter spricht nicht viel, und mein Vater noch weniger, aber am Ende lächeln sie doch und ich verstehe, was sie da tun. Ich verstehe, dass sie die Freiheit ausprobieren – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Es werden die Kinder von Eltern zu Eltern von Kindern, und immer ist da eine Reißleine, ein nächster Tag. Ein Aber. Wann kommt echtes Selbst? Vielleicht nie. Vielleicht, wenn ein Kind stirbt.

Ich beobachte sie von drüben und bin mit jedem Tag weniger verbunden. Wenn ich den Blick schweifen lasse, wandert er zum Spielplatz gegenüber der Siedlung, wo ich mich in der Holzhütte versteckt habe oder von der Schaukel gesprungen bin. Er wandert zu dem Imbiss, der Gummibärchen in bauchigen Gläsern verkaufte. Zum Nachbarszaun. Zur Bushaltestelle. Wie ein Polaroid im Rückwärtslauf werden die Bilder täglich ein bisschen unschärfer und blasser, und meine Erinnerung an sie. Die Gesichter meiner Eltern sind schön, neblig, ihre Stimmen klingen, als wären sie unter Wasser. Ich sehe sie vorbeifließen wie Treibholz, wie etwas Wertvolles, Vergessenes in der Flut, und ich warte lange auf den Moment, in dem sie gemeinsam auf ein Hindernis stoßen und sich darin verfangen, stehenbleiben. Die Strömung durch sie hindurch gleitet.

Am Morgen des fünften angefangenen Monats geben sie einander einen Kuss auf die Wange und meine Mutter nimmt ihren Koffer. Sie geht die Treppe hinunter, geht aus der Tür, steigt in ein Taxi. Dann sehe ich sie nicht mehr. Ich bleibe hier, wo die Fotos sind, und der Spielplatz, und die Bushaltestelle. Mein Vater verharrt kurz im Vorraum, bevor er in das Zimmer geht, welches meines war. Vier Monate haben sie noch so getan, als ob sie vor dem Zenit keine Sonne kannten, und nach ihm keine Schatten. Jetzt stehen eine Werkbank und ein neuer Schreibtisch in dem Raum. Holzbretter stapeln sich in der Ecke. Mein Vater fertigt tagsüber eine Skizze, und in der Nacht beobachte ich, wie der Schlaf ihn öffnet: weite Segel. Ein Traum vom Meer.