© 2016 - 2019 Johanna Kompacher. Website erstellt mit Wix.com | Impressum

Dreißig

Es fühlt sich gut an, bald dreißig zu werden. 


Es fühlt sich gut an, im Café zu sitzen - den Rücken in die Sonne - und junge Frauen, Fräuleins, man müsste fast Mädchen sagen, vorbei spazieren zu sehen. Sie tragen Skinny Jeans, Strumpfhosen und abgeschnittene Tops. Ihre langen, weißen Arme schwingen wie Klappotetz. Ihre Beine enden in einer großen Lücke unter dem Becken, zwischen den Arschbacken ein Loch. Der Hintern ist klein und so knackig wie ein junger Pfirsich.
 

Es fühlt sich gut an, zu wissen: Man gehört nicht mehr dazu. Man ist nicht mehr achtzehn, sondern bald dreißig. Wenn die eigenen Arschbacken noch nicht hängen oder vom Sitzen flachgedrückt worden sind, ist es ein Gewinn. Es ist ein Grund zum Stolz, wenn der Pfirsich noch nicht wie wochenalt verrunzelt daliegt, da wartet auf irgendwas, den Tag wahrscheinlich, an dem ihn niemand mehr anschaut. 
 

Ich mag es, dass die Zeit vorbei ist. Der Druck, den Pfirsischhintern, die Klapotetzarme, die Klingenschlüsselbeine haben zu müssen. Messerscharfe Linien, überall. Symmetrische Scherenschnitte, Cut-outs, kein überflüssiges Fleisch nirgends. Sparsame Haut, niemals zu viel, glatt und unbewegt. Wir sind reduziert aufs Wesentliche, deshalb schaut man uns an. Deshalb träumt man von uns. Die Extras kommen erst.


Es fühlt sich gut an, seine Fehler zu kennen. Es fühlt sich so gut an, darauf zu scheißen.
 

Ich beobachte die reschen Süßen, ihre herrlichen Münder und schönen Hände. Sie haben so schmale Knöchel, wie Rehkitze. Sie tragen gatschweiche Lederschuhe dazu, die sich an den Boden schmiegen wie Liebhaberinnen. Ihre Augen sind so groß, und so ängstlich. Ich frag mich: Wisst ihr, wie toll ihr seid? Genießt es, so lange es andauert, und genießt es genug. Freut euch so sehr, dass es euch reicht irgendwann, denn sonst vermisst ihr es. So schön kann niemand ewig sein. Es wäre auch zu viel. Es fühlt sich gut an, den Nächsten beim Schönsein zuzusehen und sich selbst zurückzulehnen. 


Überall sind Pfirsiche verschiedenen Alters, mal frisch geerntet, mal welk oder verwesend. Da muss man drüber lachen, wie man über Fäkalwitze lacht. Am Ende ist es wurscht. Es fühlt sich so gut an, bald dreißig zu werden, und sich denken zu dürfen: Man ist jung oder alt, je nachdem, wen man fragt. Aber keiner fragt mehr so genau.