© 2016 - 2019 Johanna Kompacher. Website erstellt mit Wix.com | Impressum

Rosa

 

I

 

Eines Nachmittags kam Steffen nicht von der Arbeit nach Hause.

Stella machte Essen, putzte die Küche, brachte den Müll hinunter und fütterte die Nachbarskatze heimlich mit Rettich. Sie legte sich in den Gartenstuhl hinterm Haus, goss die Tomatenpflänzchen und sah nach der Post (es war nichts gekommen).

Als die Dunkelheit hereinbrach und Stella immer noch nichts von Steffen gehört oder gesehen hatte, ging sie zum Fahrradschuppen, holte ihr grünes Rad heraus und schob es aus der Hauseinfahrt. Sie trug noch immer die Shorts, die sie den ganzen Tag über getragen hatte, und der Abendwind wehte kühl um ihre Beine, als sie die Straße hinunterrollte. Der Himmel in der Ferne war dunkelblau und vom letzten Abendrot durchwirkt.

 

 

II

 

„Du schmeckst nach Erdbeeren.“

„Mhm. Ich habe gerade welche gegessen.“

„Ehrlich?“

„Pffft.“

„Mit Topfen?“

„Der war abgelaufen.“

„Ging ja trotzdem noch.“

„Er hat schon ein bisschen komisch gerochen.“

„Dabei war er erst seit vorgestern offen. Oder seit Montag?“

„Egal, jetzt ist er eh weg.“

„Gibt es noch Erdbeeren?“

„Ja, im Kühlschrank.“

„Die schmecken wenigstens nach etwas.“

„Nicht wie die vom Markt in Kopenhagen, weißt du noch?“

„Wer isst schon im Norden Erdbeeren.“

 

 

III

 

Jeden Tag, wenn er losging, schickte Steffen einen Kuss um die Hausecke. Stella winkte ihm nach, während sie sich die Zähne putzte. Er spielte immer eine Rolle: Stellas liebste war der Briefträger – die spielte er aber nur, wenn er mit der großen Kameratasche losmusste. Dann schickte er eine Taube, die zwischen Geste und Gedanke entstand, in den zweiten Stock.

 

 

IV

 

Steffen parkte sich immer hinter das rosa Auto. Absichtlich, natürlich. Am Montagmorgen war es weg, noch bevor sie beide das Haus verließen. Sie hatten noch nicht gesehen, wem es gehörte, und das war auch völlig egal. Aber irgendwie hatte Stella dieses Bedürfnis. Manchmal stand sie im Bad, schon nackt, um in die Dusche zu steigen, wenn sie dachte: Wer fährt das Auto? Dann wäre sie am liebsten hinausgelaufen und hätte nachgeschaut, ob es noch da war.

„Sowas von hässlich“, sagte Steffen einmal zärtlich, als er den Motor abstellte. Stella kicherte. Es war ein kindisches Geheimnis, das sie teilten.

 

 

V

 

„Wohin fahren wir als nächstes?“

„Mir egal.“
„Wie – dir egal?“

„Ich mag gar nicht weg.“
„Das ist nicht dein Ernst.“

„Doch! Doch, ist es. Ich finde es schön hier. Wir haben es doch schön, oder?“

„Sicher. Aber trotzdem fährt man mal weg. Woanders ist es auch schön.“

„Eh, überall. Ich kann mich nicht entscheiden. Überleg du dir doch was, wenn du unbedingt wegwillst!“

„Hab ich ja.“

„Und?“

„Kommst du dann mit?“

„Ich überleg’s mir.“

„Du bist echt komisch heute.“

„Mhm. Ich bin zweihundert Jahre gealtert über Nacht.“

 

 

VI

 

Irgendwann hatte es eine Schramme. „Ich war’s nicht“, sagte Steffen, als sie parkten. Stella warf einen Blick in den Rückspiegel. Ihre Wangen waren feuerrot von der Kälte. „Ups“, sagte sie. „Den Lack gibt es sicher nirgends mehr zu kaufen.“

Ein paar Minuten lang saßen sie einfach nur im Auto, bei laufendem Motor – das war schlecht für die Umwelt, und beide wussten es, aber manchmal interessierte einen so was eben nicht. Sie schauten auf das parkende Auto mit der Schramme oberhalb des Nummernschildes und sie schauten auf die verdunkelten Fenster des Hauses.

Für ein paar Minuten, maximal, war alles ein gefrorener Moment, ein Bild hinter Glas. Ohne Regung und in nichts eingebettet.

 

 

VII

 

Es war Sommer geworden. Die Unbekannte – es konnte nur eine Frau sein – die das rosa Auto fuhr, hatte die Schramme im Lack halbherzig ausgebessert. Der Korrekturlack war eine Nuance dunkler, mindestens.

 

 

VIII

 

„Du machst dir echt zu viele Sorgen.“

„Ich weiß. Ich kann es nicht abstellen.“

„Sieh dir lieber an, was ich draußen gefunden habe.“

„Steffen!“

„Nein, wirklich – lag einfach auf dem Boden!“

„Du spinnst doch. Gib das zurück.“

„Jetzt gleich?“

„Warte. Lass mich nochmal sehen.“

 

 

IX

 

An einem Morgen vergaß Steffen seine Kameratasche und kam nochmal zurück in die Wohnung. Stella war gerade dabei, die Zahnpasta ins Becken zu spucken. Sie hörte den Schlüssel sperren, schloss die Augen und stellte sich Dinge vor, von denen sie ihm nie erzählte.

 

 

X

 

Stella war an der Hauptstraße angelangt und stieg vom Rad. Die Abendluft war noch mild und bestenfalls der Dunkelheit vorausahnend. Trotzdem hatte Stella eine Gänsehaut.

Vor ihr kreuzten die Autos, rhythmisch rauschend. Ihre Scheinwerfer flammten auf und zogen weiter. Alles wie immer. Was hatte sie erwartet? Stella wusste es nicht. Aber es war nach acht und Steffen war noch immer nicht zuhause. Er hatte nicht einmal ein SMS geschrieben.

Zum wiederholten Mal ließ sie es klingeln, zum wiederholten Mal hob er nicht ab. War das nicht der Tunnelblick, der uns evolutionär in Gefahrensituationen das Leben rettet? Stellas Sinne ballten sich wie Fäuste. Scheinwerfer, Motorengeräusch, nur noch das dumpfe Dröhnen, das Hochspannung umgibt.

Dann sah sie es: das rosa Auto. Es kam von links und blinkte. Gleich würde es in die Straße einbiegen, an deren Ecke Stella mit ihrem Fahrrad stand.

Stella kniff die Augen zusammen.

Am Steuer saß – ein Mann. Es musste ein Mann sein. Sie konnte noch nicht viel erkennen, aber als er Stella sah, winkte er. Fast so, als wären sie alte Bekannte.